Das Ziel: Verbundenheit

 

Das Leben auf dieser Erde erscheint verwirrlich. Wir werden tausendfach herausgefordert, setzen jeden Tag neue Schwerpunkte, schlagen uns durch Beruf und Erwerbsleben, versuchen Karriere zu machen, folgen dem Ruf nach Verdienst und Geld und Wohlstand. Wir wollen damit nicht nur unser Überleben sichern, wir wollen auch glücklich sein.

Klar, wer will das nicht? Wer will nicht glücklich sein? Wir alle wollen das. Es besteht geradezu ein gesellschaftlicher Zwang zum Glück. Und es gibt unzählige Möglichkeiten, glücklich zu werden. So scheint es jedenfalls und wird uns unermüdlich von allen Plakatwänden und TV-Spots unermüdlich ins Bewusstsein gerufen. Glück darf aber nicht ein Zustand sein auf einer normalen Lebens-Bandbreite, nein wir erwarten als Glück eine Ekstase, ein unübertreffbares Erlebnis, ein Hochgefühl, das uns durch das gesamte Leben trägt. Glücklichen Menschen fällt alles leichter, meinen wir zu wissen. Dem glücklich Sein, als persönliches Hochgefühl verstanden, wird alles untergeordnet. War früher das Allgemeinwohl, welches der Staat zu garantieren hat, das Glück, so ist lässt man sich heute persönlich und mehr oder weniger privat ins Hochgefühl hieven. Alle, so scheint es, ziehen ihren persönlichen Glücksbannerzug durch die Freizeit und möglichst auch durch den Beruf.

Glücklich Sein ist anstrengend geworden. Wir müssen von Party zu Party ziehen, wir müssen Tanzen, wir müssen Joggen, Essen, Trinken, wir müssen uns in Ekstasen steigern und das ist entweder harte Arbeit oder eine Frage des Drogenkonsums, für den unser Körper mit Nachwehen bezahlt.

Trotz vielfältiger Anstrengungen stellt sich das Hochgefühl nicht nach Belieben ein. Wir müssen Karriere machen, Leistungen erbringen, Vertrauen rechtfertigen. Wir fühlen uns gefordert und über- oder unterfordert. Wir machen uns Sorgen, haben Ängste, fühlen uns bedroht, unsicher. Wir müssen Abschied nehmen, fühlen uns allein und einsam. Wir möchten geliebt sein, aber wir streiten, haben Feinde und Neider. Wir haben Schuldgefühle, spüren Zwänge, müssen schwierige Entscheidungen treffen. Wir hoffen und bangen, begeben uns aufs Glatteis von Vertrauen, werden enttäuscht, missverstanden, übersehen und übergangen. Und wir blicken oft hilflos ins Leid anderer. Die Aufzählung schmerzhafter Erfahrungen lässt sich unendlich fortsetzen.

Insgesamt bekunden wir Schwierigkeiten, herauszufinden, worum es denn eigentlich im Leben geht. Ums erhaschen von Glücksmomenten? Um die glückliche Lösung vieler einzelner Probleme? Um Liebe? Um das Meistern von Krisen? Welchen Stellenwert haben Unglück, Schmerz, Krankheit, Verlust, Tod? Welchen Sinn hat das Leben auf dem Planeten Erde?

Sinn winkt uns aus dem Glücklich Sein entgegen. Glücklich fühlen wir uns dann, wenn wir uns im Leben wohlfühlen, wenn gelingt, was gelingen soll, wenn wir Freude haben. Diese Glücksgefühle sind leider sehr flüchtig. Diese Flüchtigkeit ruft danach, dass hinter allem, hinter Gelingen und Misslingen, hinter Frieden und Krieg, hinter Freud und Leid etwas ist, das alle Gegensätze heilsam zusammenführt.

Früher hat ein Gott dafür hergehalten oder herhalten müssen. An ihm und seinem Plan hat man sich festgehalten oder ist man verzweifelt. Gott schien Geschick und Schicksal in Händen zu halten. Allmächtig schien er die Welt in Händen zu halten und für alles verantwortlich zu sein, was wir nicht selber zu verantworten hatten.

Dass wir von einem Segensreichtum umgeben sind, nehmen wir als selbstverständlich hin. Ob dieser Selbstverständlichkeit wird uns die Bedeutung und Grösse dieses Segens nicht richtig bewusst. Aber wenn wir uns mit der Natur, der Physik und Chemie, Biologie und Anatomie, Meteorologie und Ökologie etc. nicht nur wissenschaftlich auseinandersetzen, sondern uns auch das Staunen darüber erlauben, dann werden wir die entdeckten Gesetzmässigkeiten und die Möglichkeiten, die daraus entstehen, bewundern. Daraus tritt uns nämlich eine Sinnhaftigkeit entgegen, die tief berühren kann, falls wir das zuliessen.

Dieser Segensreichtum findet sich auch in uns. Er prägt uns nicht nur von aussen. Er ist in unserem Körper, in unserem Denken und in unseren Gefühlen. Allein schon die Tatsache dass wir leben, lebendig sind, ist staunenswert, vor allem wenn wir daran denken, was alles dahinter steht, dass unser Körper funktioniert: Blutkreislauf,Nervensystem, Stoffwechsel, Hormonhaushalt, Wachstum, Verdauung, Immunsystem, Anatomie, Bewegung. All das funktioniert robust und zuverlässig. Ausserdem können wir in diesem grossartigen System logisch denken, können rechnen und schreiben und sprechen. Wir können Grammatik anwenden und uns verständlich machen und werden von anderen verstanden. Zusätzlich fühlen wir uns, wir haben Schmerzen und Lust, Wut und Frieden, Freude und Trauer usw. Eigentlich erstaunliche Fähigkeiten!

Wir favorisieren von diesen Gefühlen aber leider nur die Hälfte. Wir beschäftigen uns meist mit dem Angenehmen. Das Unangenehme, das vermeintlich Störende blenden wir möglichst aus. Zu Unrecht! Wir sperren mindestens die Hälfte unseres Potentials und des damit verbundenen Segens weg.

Zum ganzen Menschen werden wir wenn wir uns mit allen unseren Facetten verbinden und befreunden auch mit denen, die wir aus irgendwelchen Gründen ablehnen.

Die ganze Verbundenheit mit uns selbst bedeutet noch nicht das Glück. Sie ist eine der vielen Zwischentappen. Je tiefer verbunden wir mit uns sind, desto ungestörter fliesst unsere Lebendigkeit. Je tiefer wir mit uns verbunden sind, desto freier fühlen wir uns und desto befreiter fliesst auch der Segen, welcher uns mit unserer Aussenwelt verbindet. Je mehr Verständnis wir für uns selbst haben, desto mehr Verständnis bringen wir für die Mitmenschen und ihr Handeln auf. Je tiefer wir mit uns Frieden schliessen, desto friedlicher leben wir mit unserer Umwelt. Wenn wir den Segen der tiefen Freundschaft mit uns selbst ermöglichen, verbinden wir uns mit all dem Segen der uns umgibt. Dann erst leben wir in Verbundenheit.

Liebe und Sorgfalt zu uns selbst führt zu Liebe und Sorgfalt mit der sinnhaft erfassbaren Umwelt, mit Mitmenschen, Tieren, Pflanzen, Wasser, Luft, Mineralien.Sie führt auch zur Wahrnehmung eines grossen Ganzen, einer Verbundenheit aller mit allen. Es ist die Ahnung der alles umfassenden Segensdynamik, die wir auch mit Göttlichkeit beschreiben können.

Diese Verbundenheit entsteht nicht von einem Tag zum anderen. Sie entsteht in der Zeit, in der wir mit uns selber sind, wenn wir es schaffen, da zu sein. Sie ist die Frucht von Geduld und Ausdauer. Es ist Zeit vonnöten, die wir für uns selber nehmen, Zeit, Boden in uns zu finden, Zeit, uns an uns selber halten zu lernen, Zeit uns zu durchschauen, zu verstehen und zu lieben. Das ist die einzige Leistung, die wir für die Verbundenheit erbringen müssen.

Sie ist ein leises Glück, eine stille Freude, die Verbundenheit. Sie ergibt sich nicht aus Tun und Handeln und Machen. Sie entsteht aus dem geduldigen Sein mit uns und mit allem. Diese Verbundenheit ist das Ziel unseres Lebens.

Autor: Thomas Joller

Dasein

Dasein beginnt in deinem Herzen. Wenn du dein Herz-chakra spürst, dann bist du da.

Wenn du es nicht spürst, bist du irgendwo. Du bist verloren in deinen Wünschen, Sehnsüchten, Ängsten, Befürchtungen oder Schuldgefühlen. Dann hast nicht du die Macht über dein Leben, sondern deine Gefühle bestimmen. Du bist nicht frei, sondern gefangen in etwas, was du zwar für normal hältst, aber nicht kennst. Du bist dir nicht bewusst, wer dich steuert. Das Unbewusste hat sich deiner bemächtigt.

Du lebst jetzt. Deinen Puls, deinen Atem, deine Muskelspannung spürstdu jetzt, in der Gegenwart. Du hast Erinnerungen und du hast Hoffnungen. Die meisten davon nimmst du nicht einmal wahr. Aber sie bestimmen dich. Sie führen dich aus der Gegenwart heraus.

Wenn du gegenwärtig bist, dann nimmst du dich selbst wahr als das, was du bist. Gegenwärtig Sein ist im Grunde genommen ein genaues Erspüren dessen, was in deinem Körper und damit in deinen Gefühlen und in deinem Denken geschieht. Denn beides beeinflusst deinen Körper, beeinflusst, wie du dich fühlst. Wenn du lernst, dir nachzuspüren, dann bekommst du einen neuen Zugang zu deinem Fühlen und Denken.

Du kannstdich in der Vergangenheit tummeln, in angenehmen Erinnerungen schwelgen oder dich für vergangene Taten unangenehm schämen. Oder du kannst in der Zukunft leben, dich vor Entwicklungenunangenehm fürchten oder in angenehmen Zukunftsplänen vergessen. Solange du darum weisst und dich darin wahrnimmst, ist das ok. Wenn du dir nicht bewusst bist, wo du dich gerade herumtreibst, dann bist du getrieben und nicht frei. Du bist von „Mächten“ geleitet, um die du nicht weisst.

Natürlich ist es gut, dass du gelernt hast, dass du nicht stehlen sollst, oder dass du dich gegenüber anderen Menschen anständig benimmst. Solche Regeln hältst du unbewusst, automatisch, ein. Du denkst nicht lange darüber nach. Das hilft dir, mit deinen Mitmenschen umzugehen und dich in deiner Gesellschaft zurechtzufinden. Du benimmst dich in einem angemessenen Rahmen.

Anders verhält es sich mit Stimmungen oder Reaktionen, deren Angemessenheit in Frage gestellt werden muss. Du begegnest Menschen, die zum Beispiel jähzornig sind oder sich immer zugunsten einer anderen Person zurücknehmen oder dafür sorgen, dass sie besser dastehen als andere oder ihr Benehmen immer rechtfertigen oder gar beschönigen müssen oder sich von anderen Menschen abhängig machen. Du findest sicher auch in deinem Benehmen entsprechende Muster.

Solche Verhaltensweisen beeinträchtigen schwerwiegend die Kommunikation. Wie kannst du mit jemandem ein Problem besprechen, der sich über jede Kleinigkeit aufregt? Wie kannst du einem Menschen vertrauen, der immer nachgibt und sich selber zu verraten scheint? Wie kannst du mit jemandem unbeschwert zusammenarbeiten, der sich selber immer in den Vordergrund rücken muss? Wie kannst du jemandem glauben, der seine Erzählungen immer ein bisschen aufpoliert? Wie kannst du zu jemandem eine Partnerschaft aufbauen, der sich nur dir und deinen Wünschen anpasst? Meistens wirst du das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt. Du wirst vorsichtig, kannst nicht vertrauen.

Hinter den beschriebenen Beispielen, und es gibt noch unzählige andere, stehen Muster, die du bei dir sicher auch feststellst oder festgestellt hast.

Zum Dasein gehört es dass du dir eingestehst dass sich in deinem Verhalten solche Muster zeigen. Das wertet dich weder auf noch ab. Es ist menschlich und normal. Aber dieses Wissen um die Musterhaftigkeit deines Verhaltens ist ein Schlüssel zum Dasein. Nun kannst du nämlich genauer hinsehen, und nach den Hintergründen deiner Muster fragen. Du stellst fest, dass du aus allen deinen Erfahrungen Lehren gezogen hast. Du hast gelernt, die Erfahrungen zu deuten und darauf zu reagieren. Vieles davon hast du in einem schmerzhaften „was funktioniert und was funktioniert nicht“-Verfahren angeeignet, als du noch ganz klein warst. Für dich gab es damals nur zwei Kategorien: Höchst angenehm und bedrohlich unangenehm. Dazwischen gab es nichts. Dein Gehirn war noch nicht ausgewachsen und konnte dir nicht die differenzierten Unterscheidungen ermöglichen, die dir heute zur Verfügung stehen. Aber die damaligen Erfahrungen und Lehren daraus sind ganz tief in dir verankert. Sie prägen dein Verhalten und deine ganze Gefühlswelt bis heute.

Das heisst, dass du Lehren aus deinen Erfahrungen als Kleinkind auch heute noch anwendest, ohne darum zu wissen. Und dass nicht alle Lehren, die du damals aus deinen Erfahrungen gezogen hast, deiner heutigen Erwachsenenwelt entsprechen können, liegt auf der Hand.

Um Dasein zu können musst du also dich kennen lernen und für dich und deine früh gelernten Muster Verständnis finden. Sie haben dir ermöglicht, dass du heute lebst. Aber sie sind nicht unbedingt mehr richtig, notwendig oder wichtig. Du kannst viele deiner Verhaltensweisen, Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte darauf untersuchen, woher sie kommen und welche Berechtigung sie heute noch haben.

Du darfst aber nicht der Versuchung verfallen, diese Verhaltensweisen aus dir entfernen zu wollen. Sie gehören zu dir und deiner Geschichte. Du musst lediglich darum wissen und sie akzeptieren.

Du sagst also ja zu dir und deiner ganzen Geschichte. Zu deinen Ängsten, denen du am liebsten ausweichen möchtest, ja zu deinen schmerzhaften Erfahrungen, die du nie mehr machen möchtest, ja zu deiner Einsamkeit, die dich von anderen Menschen abhängig macht. Du wirst mit der Zeit feststellen, dass du deine Ängste durchaus aushalten kannst und die Einsamkeit erträgst ohne dich ablenken zu müssen. Du bist durchaus fähig, zu dir selbst lieb zu sein, und brauchst dafür keinen anderen Menschen, der dir das zu dir lieb Sein abnimmt. In solchen Momenten bist du da, hältst dich in der Gegenwart. Dann spürst du dein Herz-chakra.

Du kannst dich darin unterstützen, indem du nach Buddhistischer Art meditierst. Dort lernst du, dich auf ein körperliches Phänomen zu konzentrieren, welches dich lebendig erhält, z.B. auf deinen Atem. Du wirst dabei lernen, wie schnell du abgelenkt werden kannst durch Sehnsucht, Angst, Sorgen, und wie du immer wieder zu dir und deinem Atem zurückkehren kannst. Das Spüren des Atems holt dich immer wieder in die Gegenwart. Deine Emotionen führen dich immer wieder weg in die Vergangenheit oder in die Zukunft. Es ist heilsam zu erfahren, dass du dich an dir und deinem Atem festhalten und in die Gegenwart zurückkehren kannst.

Ein weiterer Anker für dein Dasein ist die Förderung deines Körpergefühls. Durch gezielte Übungen (z.B. Yoga) lernst du, dich von Kopf bis Fuss wahrzunehmen. So erarbeitest du dir ein Körperbewusstsein, welches dir erlaubt, deine Emotionen und Gedanken im Körper wahrzunehmen. Diese sind nämlich körperlich spürbar. Mache während deinen Tätigkeiten immer wieder eine Pause, atme tief durch und nimm dich darin wahr. Du wirst schnell feststellen, ob du dich in der Realität der Gegenwart befindest oder ob du dich woanders tummelst. Es gelingt dir, in dein Herz-chakra zurückzukehren.

Hüte dich, dich für dein Abdriften zu verurteilen. Sei verständnisvoll für dich und deine Verhaltensweisen. Sie sind dir teilweise sogar in deine Zell-DNA eingeschrieben und ein kleiner Auslöser reicht, um dich aus der Gegenwart in eine andere Realität zu drängen. Der einzige Weg sie auszuschalten, ist sie Wahrnehmen und dich liebevoll darin Verstehen.

Und was ist der Lohn für diese Mühe? Es ist doch viel einfacher, dich treiben zu lassen, dich abzulenken und dafür zu sorgen, dass du „immer dabei“ bist.

Der Lohn ist, dass du eine Person wirst, die in sich ruht und die für sich Verantwortung tragen kann. Du kannst dich frei entscheiden, was du brauchst oder nicht brauchst, was dir gut tut, und was nicht. Innere, unbewusste Zwänge entfallen allmählich.

Das bedeutet z. B. auch, dass du den Lockrufen der allgegenwärtigen Werbung besser widerstehen kannst, weil du sie durchschaust. Du erkennst, dass sie dich genau dort abholen will, wo deine unbewussten Emotionen stecken. Sie weckt entweder Sehnsucht, Empörung oder Angst. Diese werbepsychologische Dreifaltigkeit wünscht sich dich als den unbewussten Menschen, der ohne Bedenken und grosse Überlegung, rein emotional kauft, liest und abstimmt.

Es bedeutet aber vor allem, dass du zu einem Menschen wirst, der seine eigene Tiefe auslotet. Du bist in dir selbst verankert.

Dir bieten sich grossartige neue Möglichkeiten, wirklich in Beziehung zu treten: Mit dir selbst, mit deinen Mitmenschen, mit der Natur und mit der allumfassenden Wirklichkeit.

Wenn du da bist, bist du ein liebender, freier Mensch.

Autor: Thomas Joller